Auf einen Blick
- Bindungsstil
- Eine alltägliche Neigung in engen Beziehungen, keine Diagnose
- Bindungsstörungen
- RAD und DSED, klinische Diagnosen in DSM-5 und ICD-11
- Wer diagnostiziert wird
- Eine kleine Gruppe von Kindern nach schwerem Mangel an Fürsorge
- Erwachsene
- Keine eigene Bindungsstörung für Erwachsene in DSM-5 oder ICD-11
Wer nach seinem Bindungstyp sucht, stößt schnell auf das Wort „Bindungsstörung“. Die ähnliche Sprache legt nahe, das eine sei eine schwere Form des anderen. Das stimmt nicht. Die beiden Begriffe stammen aus verschiedenen Fachgebieten, beschreiben verschiedene Dinge und brauchen einen ganz unterschiedlichen Umgang.
Bindungsstil vs. Bindungsstörung: der entscheidende Unterschied
Ein Bindungsstil ist eine Beschreibung aus der Persönlichkeits- und Beziehungsforschung. Er fasst zusammen, wie ein Mensch in engen Beziehungen tendenziell denkt, fühlt und handelt: wie wohl er sich damit fühlt, sich auf andere zu verlassen, und wie sehr er sich sorgt, zurückgewiesen zu werden. Die Forschung mit Erwachsenen misst das auf zwei fließenden Dimensionen, bindungsbezogener Angst und Vermeidung, und findet alle Kombinationen bei ganz gewöhnlichen Menschen.[6] Bindungsstile sind Neigungen, keine Krankheiten, und sie können sich verändern. Unser Überblick über die zwei Dimensionen Angst und Vermeidung erklärt das Modell.
Eine Bindungsstörung ist dagegen eine klinische Diagnose. Anerkannt sind zwei Krankheitsbilder: die reaktive Bindungsstörung (im Englischen RAD) und die Beziehungsstörung mit Enthemmung (im Englischen DSED). Beide stehen im DSM-5, dem Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association, und in der ICD-11, der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation.[1][2] Im DSM-5 gehören sie zu den trauma- und belastungsbezogenen Störungen, was schon zeigt, wie sie entstehen.[1]
| Bindungsstil | Bindungsstörung (RAD, DSED) | |
|---|---|---|
| Fachgebiet | Persönlichkeits- und Beziehungsforschung | Klinische Psychiatrie und Psychologie |
| Wen betrifft es? | Alle Menschen, in irgendeiner Form | Eine kleine Gruppe von Kindern nach schwerem Mangel an Fürsorge |
| Alter | Kinder und Erwachsene | Wird im Kindesalter diagnostiziert |
| Erfasst durch | Fragebögen, Interviews, Beobachtung in der Forschung | Untersuchung durch qualifizierte Fachleute |
| Ist es eine Diagnose? | Nein | Ja |
| Kann es sich ändern? | Ja, mit der Zeit und durch Erfahrungen | Wird von Fachleuten behandelt und begleitet |
Warum die beiden so oft verwechselt werden
Ein Teil der Verwirrung ist schlicht sprachlich. Beide Bereiche sind aus derselben Quelle gewachsen, der Bindungstheorie von John Bowlby, und beide tragen das Wort Bindung im Namen. Populäre Artikel verwischen die Grenzen dann noch weiter, etwa wenn sie einem vermeidenden Partner eine Bindungsstörung zuschreiben oder ganz alltägliche Beziehungssorgen unter der Überschrift eines klinischen Krankheitsbildes auflisten.
Hinzu kommt, dass sich sowohl die Forschung zu Bindungsstilen als auch die klinische Arbeit zu Bindungsstörungen für frühe Beziehungen interessieren. Sie schauen aber auf sehr verschiedene Situationen. Die Forschung zu Bindungsstilen untersucht, wie ganz normale Unterschiede in der Fürsorge und spätere Erfahrungen unsere Erwartungen an Beziehungen prägen.[6] Die klinische Arbeit zu Bindungsstörungen betrifft Kinder, denen die Grundbedingungen fehlten, um überhaupt eine stabile Bindung aufzubauen.[3] Wer beides als Punkte auf einer Skala behandelt, vermischt eine häufige, bewegliche Neigung mit einem seltenen Krankheitsbild, das professionelle Hilfe braucht.
Was die klinischen Bindungsstörungen sind
Sowohl die reaktive Bindungsstörung als auch die Beziehungsstörung mit Enthemmung hängen mit einer Vorgeschichte stark unzureichender Fürsorge in der frühen Kindheit zusammen, etwa schwerer Vernachlässigung, häufig wechselnden Hauptbezugspersonen oder dem Aufwachsen in Einrichtungen mit kaum Gelegenheit, eine stabile Bindung aufzubauen.[1][3] Die Übersichtsarbeit von Charles Zeanah und Mary Margaret Gleason beschreibt sie als Störungen kleiner Kinder, die wenig oder gar keine Gelegenheit hatten, gezielte Bindungen einzugehen. Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von den sicheren und unsicheren Mustern, die man bei den meisten Kindern sieht.[3]
Die diagnostischen Kriterien beschreiben wir hier bewusst nicht. Um diese Störungen zu erkennen, braucht es eine sorgfältige klinische Untersuchung des Kindes, seiner Vorgeschichte und anderer möglicher Erklärungen. Eine Liste von Verhaltensweisen auf einer Website lädt genau zu dem Rätselraten ein, das Kindern und Familien schaden kann. Klinische Leitlinien wie die NICE-Leitlinie zur Bindung von Kindern legen die Einschätzung ausdrücklich in die Hände geschulter Fachleute, die mit der Familie arbeiten.[4]
Warum ein unsicherer Bindungsstil keine leichte Störung ist
Es ist verlockend, sich eine Skala vorzustellen, die von sicher über unsicher bis gestört reicht. Die Forschung stützt dieses Bild nicht. Unsichere Bindungsstile sind organisierte Arten, mit Beziehungen umzugehen. Sie spiegeln, was ein Mensch zu erwarten gelernt hat, und sie haben ihre eigene Logik und ihre eigenen Stärken.[6] Wer ängstlich gebunden ist und Rückversicherung sucht, oder wer vermeidend gebunden ist und sich vor allem auf sich selbst verlässt, nutzt eine Strategie. Ein Symptom ist das nicht.
Dieselbe Vorsicht gilt für die Forschungskategorie desorganisierte Bindung. Im Netz wird sie manchmal so dargestellt, als wäre sie eine Störung. In einer gemeinsamen Übersichtsarbeit haben Bindungsforschende klar festgehalten, dass desorganisierte Bindung keine Diagnose ist und auch nicht als solche verwendet werden sollte.[5]
Und was ist mit Erwachsenen?
Viele Menschen, die nach Bindungsstörung suchen, sind Erwachsene, die sich Fragen über sich selbst stellen. Hier gilt zweierlei zugleich. Erstens wurden die anerkannten Bindungsstörungen für Kinder beschrieben, und weder das DSM-5 noch die ICD-11 enthalten eine eigene Diagnose „Bindungsstörung bei Erwachsenen“.[1][2] Zweitens können Erwachsene sehr reale und schmerzhafte Folgen früher Vernachlässigung, von Verlust oder Trauma mit sich tragen, und diese Folgen verdienen fachliche Aufmerksamkeit. Je nach Mensch schaut eine Fachperson dann eher auf Trauma, Ängste, Stimmung oder Schwierigkeiten in Beziehungen als auf ein Bindungsetikett.
Deshalb schlagen wir eine einfache Faustregel vor. Wenn du deine alltäglichen Neigungen in Beziehungen verstehen möchtest, sind Bindungsstile eine hilfreiche Sprache, und unser Selbsttest zu den Bindungstypen ist eine Möglichkeit, darüber nachzudenken. Wenn du dir Sorgen um starke Belastung machst, um Muster, die dir oder anderen wehtun, oder um ein Kind, für das du sorgst, dann ist der richtige Schritt ein Gespräch mit einer Fachperson und kein Test. Auf unserer Seite Hilfe finden steht, welche Fachleute dir weiterhelfen können.
Behutsam darüber sprechen
Worte haben hier Gewicht. Wer einen Partner „bindungsgestört“ nennt, weil er sich zurückzieht, macht aus einem gewöhnlichen Beziehungsmuster eine klinische Behauptung, die niemand ohne eine fachliche Untersuchung aufstellen kann. Wer ein Pflege- oder Adoptivkind nach der Lektüre eines Artikels „ein RAD-Kind“ nennt, prägt damit, wie Erwachsene mit diesem Kind umgehen. Bei beschreibender Sprache zu bleiben, etwa „er zieht sich eher zurück, wenn es angespannt wird“, hält das Gespräch ehrlich und offen für Veränderung.
Mehr zu verbreiteten Missverständnissen findest du unter Mythen über Bindung, die Geschichte des Fachgebiets unter Bindungstheorie. Auf der Seite So funktioniert der Test erklären wir, was unser Test misst und was er dir nicht sagen kann.
Fragen zu diesem Thema
Ist ein unsicherer Bindungsstil eine psychische Störung?
Nein. Ängstliche, vermeidende und desorganisierte Bindungsstile beschreiben verbreitete Arten, mit Nähe umzugehen, und kommen in der ganzen Bevölkerung vor. Sie sind keine Diagnosen im DSM-5 oder in der ICD-11, und wenn du dich in einem davon wiedererkennst, heißt das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Gibt es eine Bindungsstörung bei Erwachsenen?
Die beiden anerkannten Bindungsstörungen wurden für Kinder beschrieben, und keines der beiden Handbücher kennt eine eigene Bindungsstörung für Erwachsene. Wenn du als erwachsener Mensch mit Beziehungen, Vertrauen oder den Folgen früher Erfahrungen ringst, kann eine approbierte Fachperson einschätzen, was dahintersteckt und welche Unterstützung passt. Onlinetests und Artikel, auch unsere, können das nicht.
Kann ein Onlinetest eine reaktive Bindungsstörung erkennen?
Nein. Ein Selbstauskunftstest über Beziehungen im Erwachsenenalter misst etwas ganz anderes, und eine klinische Diagnose braucht eine gründliche Untersuchung durch qualifizierte Fachleute. Unser Test ist ein Werkzeug zur Selbstreflexion und keinerlei Diagnose.
Ist desorganisierte Bindung eine Bindungsstörung?
Nein. Desorganisierte Bindung ist eine Forschungskategorie aus der Beobachtung von Kleinkindern, und Bindungsforschende haben ausdrücklich betont, dass sie keine Diagnose ist. Die Bindungsstörungen sind eigenständige klinische Krankheitsbilder.
An wen wende ich mich, wenn ich mir Sorgen um ein Kind mache?
Ein guter erster Schritt ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt oder die Hausarztpraxis. Von dort aus kann an Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen werden. Ist ein Kind in Gefahr, wähle den Notruf 110 oder 112 oder wende dich an das Jugendamt.
Siehe auch
- Bindungstheorie: Von Bowlbys Säuglingen zu Beziehungen ErwachsenerBindungstheorie einfach erklärt: Bowlbys Ideen zur Bindung zwischen Kind und Bezugsperson, Ainsworths Forschung und der Weg zu Bindungstypen Erwachsener.
- Desorganisierte Bindung bei Kindern: Woher der Begriff kommtDesorganisierte Bindung erklärt: ihr Ursprung in der Forschung mit Kleinkindern bei Main und Solomon, der Bezug zu Erwachsenen und was sie nicht bedeutet.
- Bindungsbezogene Angst und Vermeidung: die zwei Dimensionen hinter jedem BindungstypBindungsbezogene Angst und Vermeidung: die zwei Dimensionen hinter den Bindungstypen Erwachsener, ihre Herkunft und warum Werte mehr zeigen als Schubladen.
- 7 Mythen über Bindungstypen und was die Forschung wirklich sagtSieben verbreitete Mythen über Bindungstypen, vom festgelegten Bindungsstil bis zu kalten Vermeidern und klammernden Partnern, geprüft an der Forschung.
Quellen
- ↑ American Psychiatric Association(2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5). American Psychiatric Publishing.
- ↑ World Health Organization(2019). International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11). World Health Organization.
- ↑ Zeanah, C. H., & Gleason, M. M.(2015). Annual research review: Attachment disorders in early childhood: clinical presentation, causes, correlates, and treatment. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 56(3).
- ↑ National Institute for Health and Care Excellence(2015). Children’s attachment: attachment in children and young people who are adopted from care, in care or at high risk of going into care (NG26). NICE.
- ↑ Granqvist, P., Sroufe, L. A., Dozier, M., Hesse, E., Steele, M., et al.(2017). Disorganized attachment in infancy: A review of the phenomenon and its implications for clinicians and policy-makers. Attachment & Human Development, 19(6).
- ↑ Mikulincer, M., & Shaver, P. R.(2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2nd ed.). Guilford Press.
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Zuletzt aktualisiert am 28. September 2026